Eine Alpensinfonie von Richard Strauss aus der Sicht einer Flötistin

Bevor ich in einem Orchester meine zugewiesene Stimme spiele, mache ich mir zunächst Gedanken darüber, was ich für ein Werk vor mir habe: Was es ausdrücken möchte, welcher Epoche es entspricht und über besondere schwierige (in der Technik, Intonation und im Ausdruck) anspruchsvolle Stellen.

Diese Sinfonie von Richard Strauss ist eine sinfonische Dichtung, welche zum einen die Bergwanderung als auch die Darstellung eines menschlichen Lebens vertont. Sie ist in 22 verschiedene Abschnitte gegliedert, die natürlich konträre Ausdrücke in der Klangfarbe (hell, strahlend, voluminös, fordernd, aggressiv,..),Technik (komplizierte Läufe und Griffe,…), Artikulation (staccato, legato,..) Zusammenspiel (welche Stimmen spielen mit mir gleichzeitig zusammen oder absichtlich versetzt, nach welcher Stimme erfolgt mein Einsatz,…) und Dynamik (forte, piano,…) erfordern.

Typisch für die spätromantische Epoche ist eine große Besetzung.

Es gibt insgesamt vier große Flöten (bei Mozart zum Beispiel sind es meistens nur zwei) , wobei die dritte und vierte Flöte zugleich auch noch die Verpflichtung tragen, die später näher erwähnte Piccolo zu spielen. Vier Flöten bedeuten immer, dass man intonatorisch auf jeden Fall sehr gut stimmen muss, denn oft gibt es Stellen, bei welchen man, meistens in Terzabständen, zusammen spielt. Allgemein gilt die Regel, die erste Flöte hat die „korrekte“ Intonation, an welche man sich anpassen muss. Wenn etwas „schief“ klingt, so ist das die „Schuld“ des zweiten, dritten oder vierten Flötisten.

Für ein erfolgreiches und wohltuendes Zusammenspiel muss man sich gegenseitig aufeinander einstellen und aneinander gewöhnt sein. Schwieriger wird dies dann, wenn man schnell für eine ausgefallene Flöte einspringt oder man in einem zusammengewürfelten Orchester nur für ein Konzert spielt. Doch gibt es natürlich auch, durch Zeit und Erfahrung, immer professionelle Flötisten, für die auch dies kein Hindernis mehr darstellt.

Als Querflöte in einem Orchester, muss ich mich darauf einstellen, dass ich auch eine solistische Funktion im Orchester habe: plötzlich bin ich ganz alleine zu hören, das bedeutet Aufregung, Stress, Lampenfieber…- gelingt es mir?

Eine spezielle Herausforderung ist das Spiel der Piccoloflöte. Der Ansatz ist vollständig anders, da man die Piccolo auf der Lippe ansetzt und spielt, nicht unterhalb dieser, so dass man sich entsprechend umstellen muss, was ein gewisses Training erfordert. Außerdem ist der Klang einer Piccolo wegen der sehr hohen Lage (welche leider bei mangelndem Training schnell sehr schrill klingen kann und daher auch einen nicht besonders erfreulichen Ruf mit sich trägt) immer über dem Orchester zu hören. Allgemein besteht zusätzlich die Gefahr, intonatorisch nicht korrekt zu spielen, solange man die Piccolo nur spielt, wenn ich es muss.

In dieser Alpensinfonie von Strauss habe ich zwei mir besonders erscheinende Stellen herausgesucht, auf welche ich mit flötenspezifischen Hinweisen eingehen möchte.

Zum einen beträfe das die Stelle „Am Wasserfall“ mit der Tempobezeichnung „sehr lebhaft“. Man stelle sich also einen hohen blauen Wasserfall vor, der voller Energie in den unter ihm liegenden Fluss fällt. Überall sprudelt das Wasser, durch die Sonne glitzert es und löst eine erfrischende Wirkung auf den Zuschauer aus, welches man jetzt natürlich auch noch musikalisch ausdrücken möchte. Anfangs spielen die zwei großen Flöten schnelle, hohe sechzehntel Sextolen, später folgen auch noch die zwei Piccolos mit flinken Einwürfen. Hier ist es wichtig, dass man ganz leicht und locker spielt, sich also ja nicht von den schnellen, hohen Läufen abschrecken lässt. Um dies zu erreichen, muss man besondere Töne ansteuern, welche man einen Tick länger hält um alle Griffe schön sauber zu greifen. Auch sollte man sehr gut mit dem Metronom geübt haben, um rhythmisch nicht fehlerhaft, das heißt, weder zu schnell, welches meistens den Anschein bekommt „huddelig“ zu spielen, gehetzt und überfordert von der Stelle zu sein; noch zu langsam zu spielen, um in der erforderten Situation nicht überrannt zu werden, so dass man die Kontrolle über sein Spiel verliert. Was noch wichtig zu beachten ist, ist das Zusammenspiel mit den Klarinetten und Violinen, die auch ähnliche Läufe zeitgleich spielen. Also darf man sich nicht nur auf seine eigenen Stellen konzentrieren, sondern man muss gleichzeitig noch auf die anderen Mitspieler hören, um mit diesen gemeinsam musizieren zu können. Natürlich versucht der Dirigent auch sein Bestmöglichstes zu geben, um all dies zu gewinnen…

Zum Ende der Sinfonie erfolgt die nächste Stelle „Gewitter und Sturm, Abstieg“ mit der Tempobezeichnung „schnell und heftig“, auf die ich ebenso näher eingehen möchte. Hier handelt es sich um ein dröhnendes, angsteinflößendes, tobendes Gewitter. Der Sturm reißt alles mit sich und wirbelt umher. Alles ist in Panik versetzt und man sucht verzweifelt nach Zuflucht. Draußen ist es kalt, dunkel und nass.

Hier hat Strauß eine ganz besondere, moderne Technik für die Flöte angewandt, und zwar die Flatterzunge. Man spielt also wie immer nur mit dem Zusatz, dass man während des Spielens noch ein „rollendes, durchgehendes R“ , welches mit der Zunge vorne an der Munddecke erzeugt wird, einsetzt. Durch die kräftige Dynamik, fortissimo, und den hohen, chromatischen Sechzehntelläufen, welche sich nach mehr oder weniger einem Takt immer wieder wiederholen, erzeugt die Flatterzunge zu dem Getöse noch einen rauschenden Effekt.

Ich hoffe, Sie konnten durch diese Informationen etwas lernen, haben so einen Einblick „Hinter die Kulissen“ bekommen und können die Alpensinfonie nun auch mit anderen Ohren genießen.

Ein Gedanke zu „Eine Alpensinfonie von Richard Strauss aus der Sicht einer Flötistin

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